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12.11.2007

Ich glaube, mein Studium ist beendet: ich werde nicht mehr betrunken!

Roland Gast

Es gibt viele Vorurteile über Studenten. So heißt es zum Beispiel, sie ständen um halb acht auf, weil um acht die Geschäfte zumachen. So pauschal und überholt das auch sein mag, es hat einen konkreten Bezugspunkt: die deutsche Universität zeichnet sich, im Gegensatz zu vielen anderen Systemen, traditionell durch einen hohen Grad an Freiheit aus, den man den Studierenden einräumt.  

 

Grund dafür ist das Ideal, das man hierzulande von einer guten Universität hat. Das besagt folgendes: mit dem Geld des Staates geht die Universität Forschung und Lehre nach. Die Studenten sollen sich dabei weitgehend eigenständig organisieren. Denn an der Universität sollen sie und die Professoren so frei wie möglich sein, um eine umfassende, humanistische Bildung zu garantieren. Seinen Namen hat dieses System von Wilhelm und Alexander von Humboldt. Die 1810 gegründete Humboldt-Universität zu Berlin, an der sie beide gewirkt haben, gilt als erste auf diesem Modell aufgebaute Universität.  

 

Seitdem hat sich ein Trend deutlich bemerkbar gemacht: der Staat wirkt gerne durch Vorgaben an den Rahmen, selbst wenn er nicht wie zu Zeiten der Diktatur direkt die Universität kontrolliert. Mit der Zeit haben diese dadurch ihre inhaltliche Unabhängigkeit faktisch verloren. Ausgaben, Angebot an Vorlesungen, Art der Prüfungen und Studiengänge, deren Finanzierung, Gestaltung der wissenschaftlichen Laufbahn, Form der studentischen Selbstverwaltung, Auswahlverfahren der Bewerber, etc, etc... Man kann an einer Universität nicht einfach machen, was man will. Dafür sorgt ihre Verwaltung.  

 

Das ist die Kehrseite der Tatsache, dass sich die Universität mit Mitteln des Staates finanziert. Momentan ändert sich genau deswegen wieder viel. Der Staat spart. Studiengebühren werden eingeführt, Drittmittel zu einer messbaren Größe für den Erfolg eines Professors, private Forschungszentren aus dem Boden gestampft. Und so langsam zeigen sich die, die damit am besten umzugehen wissen. Die immer wichtigeren Unirankings bezeugen die sich langsam herausbildenden Qualitätsunterschiede. Allgemein lässt sich ein weiterer Trend erkennen: einfach so studieren ist nicht mehr.  

 

Vielen fällt das schwer. Abgesehen von der heftig umstrittenen Frage der Studiengebühren scheinen zwei Dinge in manchen Kreisen besonders unbeliebt zu sein: zum einen die Einführung des Bachelor-Master-Systems. In Bologna 1999 beschlossen, schreibt es für ganz Europa ein einheitliches Studienmodell vor – damit ein europaweites Studium so einfach ist wie ein rein nationales. Das bedeutet, dass die nationalen Studiengänge vergleichbar sein müssen, was zu einheitlichen Leistungsanforderungen führt. Und genau diese sind dem traditionellen Modell vieler Fächer in Deutschland schon fast verhasst. Nicht, dass dort nur Faulpelze tätig wären; ganz im Gegenteil. Man hält es nur nicht für sinnvoll, Studenten das Lernen eigenständigen Denkens stundenweise zu befehlen.  

 

Das „Humboldtargument“ ist dabei bei Gegnern dieser Reformen sehr beliebt. Mit anderen Worten: sie benutzen ihren Begriff der Tradition. Weil solche Anforderungen schon immer gegen den Grundsatz humanistischer Bildung verstoßen hätten, dürfe man sie auch jetzt nicht einführen. Denken um des Denkens willen, ohne Bedingung und Auflagen. Auch, wenn dadurch der berühmte Student der Sozialpädagogik im 20. Semester entsteht. Dieses Argument hat aber eine entscheidende Schwäche. Als 1810 die Humboldt-Universität zu Berlin gegründet wurde, brach die Moderne gerade an und das in der Ständegesellschaft verwurzelte Preußen lag am Boden. In dieser Situation wollte man es sich nicht mehr leisten, gute Leute nur wegen ihrer „niederen“ Herkunft zu übergehen. An der neuen Universität sollten Argumente und Wissen, nicht Stand und Herkunft die besten Leistungsträger zeigen. Also sollte die sich sehr wohl ganz konkret bezahlt machen. Das der Staat etwas finanziert, von dem er sich keinen Nutzen verspricht, ist ja ohnehin eine etwas abwegige Vorstellung.  

 

Dass das manche Empfänger der damit verbundenen Transferleistungen anders sehen mögen, ist auch nichts besonderes. Es gibt viele Ideen und Vorstellungen, die behaupten, auch ohne konkrete Kosten-Nutzen-Abwägung existieren zu müssen. Demokratie und Rechtsstaat kommen ohne so etwas auch gar nicht aus. Aber abgesehen von diesen fundamentalen Grundpfeilern unserer Gesellschaft, ohne die es wirklich nicht ginge, muss es die Möglichkeit geben, Transferleistungen auf ihren Nutzen zu überprüfen. Gerade weil der Staat das in der Vergangenheit zu oft nicht gemacht hat, muss er jetzt die Mittel kürzen.  

 

Natürlich heißt das noch lange nicht, dass die vielen Reformen eine gute Sache sind. Es heißt nur, dass das „Humboldtargument“ so nicht greift. Denn wer sich komplett vom Staat abhängig macht, kann sich nicht beschweren, wenn der vor lauter Ausgaben und Schulden die Spielregeln ändern muss.  

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Studentische_Kneipszene_um_1810.jpg  

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Frédéric Bastiat (1801-1850)

"The worst thing that can happen to a good cause is, not to be skillfully attacked, but to be ineptly defended. Government is the great fiction, through which everybody endeavors to live at the expense of everybody else"

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